Plakat-Kampagne für ein solidarisches und interkulturelles Freiburg

Die Freiburger Stadtgeschichte wurde in den letzten 900 Jahren von vielen mutigen und engagierten Männern wie Frauen geprägt. Menschen, die durch ihr Leben oder auch nur durch eine Handlung zum demokratischen Herzschlag der Stadt beigetragen haben. Der Freiburger Wahlkreis 100 % möchte diese unbekannten oder zu wenig beachteten Personen mit einer Plakatkampagneehren und „sichtbar“ machen, daher der Titel. Die überlebensgroßen Banner hängen an öffentlichen Gebäuden, die mit der Geschichte der jeweiligen Persönlichkeit verbunden sind. Mit kurzen Info-Texten und einer Homepage werden die Plakatmotive und Personen erläutert.

Heute startet die Kampagne mit einem Banner an der Universitätsbibliothek, das ein Foto von Gertrude Luckner aus der Zeit des Nationalsozialismus zeigt. Von links nach rechts, beinahe unerkannt, läuft Gertrud Luckner, leicht gebeugt und mit schwerer Aktentasche an der Hand durch das Bild. Sie dürfte auf dem Heimweg von ihrem Arbeitsplatz beim Deutschen Caritasverband im „Werthmannhaus“ - gegenüber der heutigen Unibibliothek - nach Hause in die Landsknecht-straße gewesen sein. In der Reichspogromnacht, in der auch die Freiburger Synagoge auf dem heutigen „Platz der Alten Synagoge“ niedergebrannt wurde, war Gertrud Luckner stundenlang mit dem Fahrrad zu jüdischen Familien unterwegs, um sie zu warnen und ihnen eine sichere Adresse zu geben. Als Gertrud Luckner 1943 von der Gestapo verhaftet wird – auf Hinweis eines Spitzels in der Caritaszentrale – überlebt sie Verhöre, Konzentrationslager, Todesmarsch nur mit viel Glück und Solidarität anderer Häftlinge. Nach Kriegsende leitet sie die Verfolgtenfürsorge beim Deutschen Caritasverband und widmet sich der christlich-jüdischen Annäherung.
 
Gertrud Luckner, geboren 1900 in Liverpool als Jane Hartmann und englische Staatsangehörige bis zu ihrem 22. Lebensjahr, ist ein herausragendes Beispiel für Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Freiburg. 1966 zeichnete der Staat Israel sie in Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern aus, 1979 wurde sie Ehrenbürgerin von Freiburg im Breisgau und eine Gewerbeschule in Freiburg trägt ihren Namen.
 
Im Rahmen der Kampagne sollen weitere Persönlichkeiten vorgestellt werden, die für ein interkulturelles, solidarisches und offenes Freiburg stehen. Zwei bis drei weitere Standorte sind in konkreter Vorbereitung und sollen noch im verlängerten Jubiläumsjahr 2021 sichtbar werden.

(Erstellt am 11. Dezember 2020)