Ein besonderes Projekt in besonderen Zeiten

Über den Brief

Definition

Ein Brief (von lateinisch "kurz") ist ein kurzes Schreiben, eine auf Papier festgehaltene Nachricht, die meist von einem Boten - heute durch die Post - überbracht wird und eine für den Empfänger gedachte Botschaft, Information, Mitteilung enthält. Einen Brief zu verfassen und als Kommunikationsmittel zu verwenden setzt eine Schreib- und Lesefähigkeit voraus.

Ein Brief muss besonderen Anforderungen entsprechen. Er besteht meistens aus der Angabe zu Ort und Tag des Verfassers, einer Anrede, dem Brieftext und einer Schlussformel. Der Brief wird in der Regel in einem Umschlag gesteckt, auf welchem sich Angaben zum Absender, die Empfängeranschrift und - im Falle eines Versands - eine Freimachung/Gebühr in Form einer Briefmarke befindet.

Hinter dieser relativ spröden Beschreibung verbirgt sich allerdings ein höchst interessantes Kommunikationsmittel, das auf eine abwechslungsreiche Geschichte zurückblicken kann.

Geschichte des Briefs

Briefe sind aus allen die Schrift besitzenden Kulturen bekannt. Ihre Geschichte reicht weit in die Geschichte der Menschen zurück. Bereits die Babylonier bedienten sich dieser Nachrichtenübermittlung, indem sie ihre Nachrichten in Tontafeln ritzten. Im Alten Ägypten dienten Papyri als Schriftträger und im antiken Griechenland und Rom benutzte man zu diesem Zweck mit Wachs beschichtete Tafeln aus Holz.
Auch als literarische Kunstform kommt der Brief schon in der Antike vor. Vorbildlich für die spätere europäische Briefkultur waren vor allem die Briefe Ciceros, wie überhaupt Briefe von bedeutenden Personen seit der Antike immer wieder nachträglich veröffentlicht wurden.

Im Mittelalter wurden in Europa Briefe in lateinischer Sprache besonders von Geistlichen für seelsorgerische Zwecke geschrieben. Der volkssprachliche Brief, in dem es die Mystiker zu hoher Kunst brachten (in ihrer Nachfolge dann Martin Luther), setzte sich dann im ausgehenden Mittelalter durch. Mit den Humanisten gewann der lateinische Brief abermals an Bedeutung. Um 1750 begann das Zeitalter des empfindsamen Briefes, das einen wahren Briefkult hervorbrachte. Der Brief war nicht mehr nur Beiwerk eines Autors, sondern wurde zu einer literarische Gattung.

In der Neuzeit entwickelte sich geradezu eine Kultur des Briefeschreibens.
Waren Briefe früher eine sehr teure Angelegenheit und deshalb auch fast nur von Amtspersonen oder reichen Kaufleuten genutzt, weitete sich der Briefverkehr ab dem 18. Jahrhundert auf weite Kreise der Oberschicht aus. Es war ein Zeichen des gewachsenen Selbstbewusstseins eines europäischen Bürgertums, das sich in seinen Denkweisen und Tugenden vom Adel emanzipierte. Bis ins 19. Jahrhundert erwies sich so insbesondere der Briefroman als geeignetes Medium zur Formulierung und Verbreitung bürgerlicher Normen und Werte.

Einfache Leute benützten den Brief dagegen nur vereinzelt und mussten sich diese dann schreiben lassen, wozu es den Beruf des Briefschreibers gab. Im 20. Jahrhundert - mit dem zunehmenden Interesse an Alltagsgeschichte und an der Geschichte der "kleinen Leute" - geriet die Post dieser Menschen immer mehr in den Blick (Soldatenbriefe!). Dies nicht nur aus Interesse an Einzelschicksalen, sondern weil man über dies Briefe Rückschlüsse auf das Leben und die Sorgen von ganzen Gruppen von Menschen ziehen konnte.

Ab dem späten 20. Jahrhundert verlor der Brief dann seine Bedeutung als prägender Ausdruck von geistiger und seelischer Individualität immer mehr. Aber: wirkt er möglicherweise auch nicht mehr prägend, so ist der Brief dennoch aus dem Leben der Menschen bis heute nicht verschwunden. Mehr noch: es gibt heute erstaunlich viele Anhänger des Briefeschreibens, die auf diese Art der Kommunikation nicht verzichten möchten und die es fasziniert, wenn sie heute Briefe von Dichtern und Philosophen lesen. „Jedes Jahr werden neue Briefeditionen auf den Markt gebracht, aus den unterschiedlichsten Motiven. Etwa, weil einer der Briefpartner oder beide berühmt sind und eine prägende Rolle in der Geistesgeschichte spielen. Oder weil Briefe nicht nur ein helleres Licht auf das eigentliche Werk und Wirken des Absenders werfen, sondern möglicherweise sogar ein wesentlicher Teil desselben sind. Briefeditionen sind auch für die Verlage nicht nur eine Luxusangelegenheit. Erstaunlicherweise verkaufen sie sich zuweilen genauso gut wie Romane“ (Ulrich Rüdenauer, ZEIT ONLINE am 4.1.2013). 

Man muss es nicht ganz so euphorisch sehen wie der englische Journalist und Autor Simon Garfield, der in seinem Buch „To the letter. A Journey Through a Vanishing World“ (deutsch „Briefe!“ in der Übersetzung von Jörg Findling) Briefe als das „Öl im Getriebe des menschlichen Miteinanders“ bezeichnet und der eine Welt ohne Briefe mit einer Welt ohne Sauerstoff vergleicht. Aber „die Faszination für literarische Briefwechsel scheint noch immer ungebrochen. Auch jahrelanges E-Mailen gibt keinen Anlass zum Kulturpessimismus“ (Ulrich Rüdenauer, ZEIT ONLINE am 4.1.2013)

Ziel und Zweck von Briefen

Seit den ersten Verfassern von Mitteilungen hat sich der Zweck eines Briefes nur unwesentlich geändert. Er ist in der Regel ein Mittel zur öffentlichen Meinungsäußerung (z.B. Leserbriefe in einer Zeitung), eine literarische Form (vgl. Goethes Briefroman ‚Die Leiden des jungen Werthers‘, die Paulusbriefe des Neuen Testaments der Bibel), ein Instrument zur Übermittlung persönlicher Nachrichten und Befindlichkeiten (z.B.: Liebesbrief) oder mit ihm wird ein amtliches Dokument bezeichnet, wie es z.B. noch beim Kfz-Brief zum Ausdruck kommt.

Noch heute finden sich in unserem Wortschatz zahlreiche Begriffe, die in Kombination mit dem Wort ‚Brief‘ stehen. Eine Auswahl solcher Wortbeispiele finden Sie am Schluss dieses Artikels.

Allen diesen Definitionen ist - in durchaus unterschiedlichem Umfang - gemeinsam, dass Schreiber und Empfänger in eine Verbindung miteinander treten. "Wenn man einander schreibt, ist man wie durch ein Seil verbunden", schrieb Franz Kafka. Diese Kommunikation zwischen Absender und Empfänger kann dabei sehr intimer Natur sein. „Wie ein selbst gemaltes Bild von Kindern ist auch ein handgeschriebener Brief etwas außerordentlich Persönliche“ (Susanne Dorendorff vom Europäischen Institut für Handschrift und Philographie). Und jeder kennt das Gefühl wenn man ein sehr altes, handschriftlich verfasstes Buch in den Händen hat und sich vorstellt, dass dieses Buch von einem anderen Mensch geschrieben wurde. Ähnliches geschieht bei einem Brief, denn einen Brief und sei er noch so alt, hat er Absender tatsächlich in der Hand gehabt. Dieses Maß an Intimität erreicht keine elektronische Post. Die Kommunikation kann allerdings durchaus auch öffentlich sein, ja sogar für eine Öffentlichkeit gedacht sein. Briefe als ungeschützter Ausdruck des Intimen?

Für Raimund Fellinger, Cheflektor beim Suhrkamp-Verlag ist klar, dass "Objekte im Verschwinden (…) eine gewisse Bewunderung hervor(rufen)." Insofern ist es naheliegend, dass in einer Zeit, wo Schriftkultur und Authentizität immer mehr zurückgedrängt werden, Briefe und andere autobiographische Schriften verstärkt als Kunstform, „als improvisierte Prosa“ verstanden und wahrgenommen werden. Dazu noch einmal Ulrich Rüdenauer: „Sind wir also am ästhetischen Mehrwert von Briefwechseln interessiert? Oder ist die Generation Facebook besonders begierig nach dem ohnehin alltäglich gewordenen Schlüssellochblick in des Dichters psychische Abgründe, die dieser seinem Briefpartner anvertraut? Das würde bedeuten, dass wir beim Lesen von Briefwechseln tatsächlich unseren voyeuristischen Gelüsten nachgeben und etwas Verborgenes aufspüren wollten. Gerade aber die Briefe von bekannten Autoren - seit dem 18. Jahrhundert - sind nicht selten schon im Bewusstsein geschrieben worden, dass sie später das Licht der Öffentlichkeit erblicken werden. Sie sind, auch wenn sie sich an einen bestimmten Empfänger richten, immer auch für Dritte geschrieben.“

LITERATUR

Simon Garfield: „To the letter. A Journey Through a Vanishing World“ (deutsch: ‚Briefe!‘ übersetzt von Jörg Findling)

Briefe aus dem 900. ins 1000. Jubiläumsjahr der Stadt Freiburg